Dependenzgrammatik
Dependenzgrammatik oder auch Valenzgrammatik bezeichnet eine von Lucien Tesnière begründete, im Ansatz aber auch schon im Mittelalter (Thomas von Erfurt) zu findende Form der Grammatik. (Valenzgrammatik erhielt den Namen in Analogie zu den Valenzen bei der chemischen Bindung.) Die Dependenzgrammatik untersucht die hierarchische Struktur eines Satzes ausgehend von Abhängigkeiten. Dependenz ist Abhängigkeit in dem Sinne, dass ein Wort (das regierte) von einem anderen Wort (das regierende) abhängt. Im Satz bestehen die zentralen Abhängigkeiten vom Verb. "Essen" lässt erwarten, dass jemand genannt wird, der isst, und etwas, das gegessen wird:
- "Hans isst Brot".
Wörter eröffnen Leerstellen, die von Wörtern anderer Klassen gefüllt werden können oder müssen (so schon Bühler). In dem Beispielsatz sind "Hans" und Brot" von "isst" abhängig, Tesnière sprach von "Aktanten", heute redet man von "Komplementen" oder "Ergänzungen". Andere Satzelemente können frei hinzugefügt werden:
- "Hans isst abends gern Brot vor dem Fernseher".
Meist sind das Angaben von Ort, Zeit, Grund oder Handlungsmodalitäten. Was nicht von anderen Ausdrücken gefordert ist, nannte Tesnière "Zirkumstanten", heute spricht man von "Supplementen" oder "freien Angaben". Die Unterscheidung zwischen Komplementen und Supplementen fällt nicht immer leicht, es gibt Tests (Was kann man nicht weglassen? Was ist immer mitgedacht? = Komplement), aber auch Grenzfälle. Das kommt daher, dass die ganze Satzstruktur über Abhängigkeit erklärt werden soll. Aber wovon z.B. hängt der Artikel ab in "ein kleines Mädchen"? Sicher nicht einfach von "Mädchen", sondern eher vom Ausdruck "kleines Mädchen". Dahinter stehen semantische bzw. funktionale Beziehungen. Heute ist die Valenz von Verben in Wörterbüchern wie H. Schumacher (Hg.)(1986) "Verben in Feldern" beschrieben. Valenzangaben sind für den Unterricht Deutsch als Fremdsprache sehr hilfreich. Aber die Dependenzgrammatik ist auch in den muttersprachlichen Unterricht eingegangen, ferner in Grammatikmodelle wie die Syntax von Chomsky oder in Grammatiken wie die "Deutsche Grammatik" von Helbig und Buscha oder die "Grammatik der deutschen Sprache" von Zifonun, Hoffmann, Strecker u.a.
Auf der Dependenzgrammatik basieren viele formallinguistische Formalismen, z.B. die Funktionale generative Beschreibung oder auch Extensible Dependency Grammar.
Literatur
- H.W. Eroms: Syntax der deutschen Sprache. Berlin: de Gruyter, 2000
- H.J. Heringer: Deutsche Syntax. Tübingen: Stauffenburg, 1996
- L. Tesnière: Éleménts de syntaxe structurale. Paris: Klinksieck, 1959


