Großfamilie
Eine Großfamilie besteht aus einer größeren Gruppe von über mehrere Generationen hinweg verwandten Personen.
Dies können die Eltern mit ihren Kindern und Kindeskindern sein, sowie Onkel, Tanten oder andere Verwandte. Früher wurde vielfach auch das Gesinde dazu gerechnet. Die Familien-Mitglieder leben meist gemeinsam in einem Haus oder einer Siedlung und bilden eine wirtschaftliche Einheit, die z.B. in gemeinsamer Landwirtschaft oder einem Handwerk besteht.
In den Industrieländern spielen Großfamilien durchaus noch eine Rolle, jedoch eher in der Oberschicht. Diese ist einer soziologischen Analyse nicht leicht zugänglich, so dass Großfamilien als 'verschwunden' erscheinen. Hingegen sind sie in armen Ländern stärker verbreitet. Das hat vor allem mit der dort vorwiegend agrarischen Wirtschaftsstruktur und einem weitgehend fehlenden Sozialsystem zu tun, so dass Kinder die "Pensionsvorsorge" der Eltern sind (vgl. dazu Familie (Soziologie)).
In Gesellschaften, welche die Polygamie zulassen, können die Familienverbände nochmals deutlich größer ausfallen.
Der Mythos von der Großfamilie
In Mitteleuropa wird vielfach die Zahl und Größe der früheren Großfamilien überschätzt. Dazu tragen folgende Aspekte bei:
- Bis zur Jahrhundertwende war die Mütter- und Kindersterblichkeit sehr hoch. Beispielsweise starben 1832-1835 in Bayern von 1.000 Lebendgeborenen 302 Kinder noch im ersten Lebensjahr, und in den Jahren 1901-1905 immerhin noch 240 Kinder.
- Dadurch waren diese Familien höchstens doppelt so groß wie heute. Die durchschnittliche Haushaltsgröße im Bayern der Jahre 1818 bis 1871 betrug 4,6 Personen, stieg 1900 kurzfristig auf 4,7 Personen an und sank bis 1925 auf 4,3 Personen.
- Zu diesem Faktum trug auch bei, dass auf dem Land das männliche Heiratsalter bei über 28 Jahren lag und jenes der Frauen bei 27 Jahren (nach zwischenzeitlichem Sinken liegt es nun wieder ähnlich wie vor 100 Jahren). Durch die niedrige Lebenserwartung und die frühere Menopause standen daher nur etwa 15 Jahre für die Zeugung von Kindern zur Verfügung.
- Insgesamt machten daher die Familien mit mehreren Generationen weniger aus, als gemeinhin angenommen wird.
Ein weiterer Aspekt ist der Bevölkerungsanteil, dem eine Heirat kaum möglich war. So lebten und arbeiteten in vielen der früheren Haushalte familienfremde Personen, was die Struktur der "Großfamilien" schwer überschaubar macht. 1910 wohnte Gesinde in 20 % der Haushalte Bayerns, wozu noch 11 % Untermieter beziehungsweise Bettgeher kamen. Im Deutschen Reich lebten 1882 1,282 Millionen Dienstboten im Haus des Arbeitgebers; 1925 waren es 1,016 Millionen und 1939 immerhin noch 995.000 Personen. Soziologisch herrschten auch in unserer Vergangenheit Kleinfamilien und unvollständige Familien vor. Der angebliche Übergang von der Groß- zur Kleinfamilie ist daher unzutreffend, bzw. betrifft er nur die Zahl der Kinder und kaum jene der Generationen. (nach http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Aktuelles/a_Elternschaft/s_257.html)


